Leistung entsteht im Team

Für Fanny Rinne gehörten Wettkampf und Höchstleistung ­jahrelang zu ihrem ­Alltag. Die Hockeyspielerin nahm an vier olympischen Spielen teil, gewann 2004 in Athen Gold. Heute berät sie am Olympiastützpunkt Heidelberg junge Leistungssportler in Sachen Karriere­planung. Im Profil-­Interview erklärt sie, warum gute Teams wichtiger sind als herausragende ­Individualisten und welche Leistungssport-Prinzipien auch ­Unternehmen ­erfolgreicher machen.

Frau Rinne, was sind für Sie die wichtigsten Aspekte in der Wettkampf­vorbereitung und was können Unternehmen daraus lernen?

Fanny Rinne: Eine gute Trainingssteuerung und eine langfristige Planung sind wichtig. Gleichzeitig darf man Pläne aber nicht dogmatisch verfolgen. Wenn ein Athlet verletzt ist oder sich eine Entwicklung nicht so einstellt wie erhofft, muss man den Plan anpassen. Für mich war es zudem immer wertvoll, sich mit starken Gegnern zu messen. Man testet sich und lernt, mit Niederlagen oder Rückständen umzugehen.

Also im Unternehmen Dinge unter Wettkampfbedingungen ­aus­probieren?

Genau. Und generell gilt: Auf hohem Niveau üben und schauen, wie die Besten es machen. Selbst Niederlagen können wertvoll sein. Es geht nicht nur ums Ergebnis, sondern darum zu erkennen, wo man sich noch entwickeln muss und was vielleicht schon gut funktioniert. Auch im Unternehmen lohnt sich Experimentieren: Vielleicht hat jemand aus dem Marketing auch Vertriebsskills. Oder jemand, der lange in einer Rolle war, möchte einmal eine andere Aufgabe übernehmen. Solche Perspektivwechsel können sehr wertvoll sein.

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Olympia2004

Der Olympiasieg 2004 war nur durch eine ­geschlossene Mannschaftsleistung möglich

Sie waren bei vier Olympischen Spielen. Was hat Sie so lange motiviert, auf diesem Niveau zu trainieren?

Für mich war Hockey einfach etwas, bei dem ich komplett bei mir war. Es hat sich immer richtig angefühlt. Sicher nicht in jedem Training, aber grundsätzlich wusste ich immer, warum ich das mache. Ich mochte auch das Mannschaftsgefühl. Selbst wenn ich mal keine Lust auf das körperliche Training hatte, wusste ich: wir machen das zusammen, die anderen sind da und dann wird es gut.

Was war für Sie entscheidender: Talent, Fleiß oder Disziplin?

Ich glaube, es ist tatsächlich ein Mix. In den ersten Jahren hat mich mein Talent getragen. Interessanterweise habe ich später oft gehört, dass diejenigen, die im Jugendbereich immer die Besten sind, es gar nicht so häufig ganz nach oben schaffen. Oft sind es eher die Zweiten oder Dritten, weil die merken: Ich muss noch etwas tun, um besser zu werden. Aber als Kind habe ich nie gedacht, dass ich besonders gut bin. Ich habe Hockey immer sehr als Mannschaftssport gedacht. Für mich war klar: ich bin nur gut, wenn wir als Team gut sind. Talent allein reicht deshalb nicht. Entscheidend sind Fleiß, Ehrgeiz und vor allem die Lust, besser zu werden.

Was unterscheidet ein gutes Team von einem olympischen Siegerteam?

Der größte Unterschied ist oft nicht das individuelle Talent, sondern das Teamgefüge. Wenn ich an unsere Goldmedaille 2004 denke, würde ich nicht sagen, dass wir individuell die besten Spielerinnen hatten. Aber wir waren als Team unglaublich gut zusammengestellt. Die Rollen haben gepasst, die Kommunikation hat funktioniert und jede hat der anderen Erfolg gegönnt. Es ging nie darum, wer das Tor schießt, sondern darum, dass wir zusammen gewinnen.

Wie entsteht eine verlässliche ­Fehlerkultur in einem Team?

Das hängt stark von der Führung ab. Wenn jemand in der Videoanalyse öffentlich „rundgemacht“ wird, entsteht sofort Angst vor Fehlern. Wenn Fehler dagegen als Lernchance gesehen werden, entsteht eine ganz andere Kultur. Ein Gegentor fällt fast nie durch einen einzigen Fehler. Es ist meistens eine Kette von Fehlern. Das ist im Unternehmen ähnlich. Probleme entstehen selten durch eine einzelne Person, häufig ist es eine ganz Prozesskette. Deshalb ist es wichtiger, gemeinsam Lösungen zu finden, statt Schuldige zu suchen.

Ein großes Thema im Sport ist Regeneration. Wird das im Berufsleben ­unterschätzt?

Ja. Im Sport ist klar: Ohne Regeneration funktioniert Leistung nicht. Im Berufsleben wird das oft vernachlässigt. Dabei weiß jeder, dass der Kopf irgendwann leer ist. Schlaf ist die wichtigste Regeneration. Das gilt nicht nur für Sportler. Aber auch Dinge wie Spaziergänge oder Zeit in der Natur helfen enorm. Man kann und muss Erholungsphasen genauso bewusst in den Kalender einbauen wie Arbeit oder Training.

RinneFinale

Fanny Rinne führte die deutsche Mannschaft von 2009-2012 als Kapitänin an

„Es ist immer wichtig gemeinsam Lösungen zu finden, statt Schuldige zu suchen.“

Fanny Rinne

Welche Eigenschaften aus dem ­Spitzensport sind auch in Unter­nehmen besonders wertvoll?

Eine der wichtigsten Eigenschaften ist für mich Kritikfähigkeit und Lernbereitschaft. Im Leistungssport bekommt man ständig Feedback. Trainer sagen dir direkt, was gut war und was nicht. Dadurch entwickelt man automatisch eine hohe Lernfähigkeit. Und genau diese Fähigkeit suchen viele Unternehmen auch: Menschen, die lernen wollen und sich weiterentwickeln. Das Problem ist oft: In vielen Unternehmen bekommt man viel seltener Feedback. In jährlichen Mitarbeitergesprächen spricht man statt über den Alltag über strukturelle Dinge oder Probleme. Gerade junge Mitarbeiter profitieren aber enorm, wenn sie Rückmeldung bekommen oder einen Mentor haben.

Gibt es etwas, das Sie jungen Talenten heute früher mitgeben würden?

Sich viel mehr auf die eigenen Stärken zu konzentrieren. Wenn man junge Menschen fragt, was sie nicht können, fällt ihnen sofort sehr viel ein. Fragt man dagegen nach ihren Stärken, wird es plötzlich schwierig. Ich glaube, wir haben verlernt, über unsere Stärken zu sprechen. Kinder machen das ganz selbstverständlich. Sie sagen: „Ich kann das gut!“ oder „Ich bin darin super!“ Aber irgendwann lernen wir, dass wir nicht angeben sollen und dann verlieren wir dieses Bewusstsein. Dabei geht es gar nicht darum, arrogant zu sein. Sondern einfach zu wissen: das kann ich gut.

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