Gewonnen wird im Team
Automatisierung, Fachkräftemangel, Transformation: Unternehmen stehen immer wieder vor vielfältigen Herausforderungen. Doch was macht Betriebe langfristig erfolgreich? Der Organisationspsychologe Georg Remmers begleitet seit über 35 Jahren Industrieunternehmen durch Change-Prozesse. Mit der PROfil-Redaktion sprach er über leistungsfähige Teams, Erwartungen an Führungspersönlichkeiten, Fehlerkultur und die Voraussetzungen für gelungenen Wandel.

Herr Remmers, bei Progroup laufen hochautomatisierte Anlagen teilweise rund um die Uhr. Was erleben Sie in Organisationen dieser Art als besondere Stärke, wenn es darum geht auch unter hoher Taktung zuverlässig zu arbeiten?
Georg Remmers: Die Technik spielt selbstverständlich eine wichtige Rolle. Moderne Automatisierung ermöglicht eine enorme Leistungsfähigkeit und Stabilität. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis immer wieder: Technologie allein macht noch kein erfolgreiches Unternehmen. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Menschen und Technik. Gerade in Produktionsumgebungen mit hoher Taktung oder im 24-Stunden-Betrieb braucht es Mitarbeiter, die aufmerksam sind, Verantwortung übernehmen und kontinuierlich nach Verbesserungen suchen. Ein Bild aus dem Rennsport passt hier ganz gut: Ein starkes Auto ist sicher die Voraussetzung, gewinnen kann man aber nur mit einem exzellenten Fahrer und einer eingespielten Mannschaft. Genau diese Kombination macht Organisationen langfristig erfolgreich.
Was zeichnet Unternehmen aus, die ihre Mitarbeiter dauerhaft leistungsfähig halten?
Leistungsfähigkeit entsteht nicht mit Durchhalteparolen. Menschen bleiben engagiert, wenn sie Verantwortung übernehmen können, Gestaltungsspielräume haben und ihre Erfahrung gefragt ist. Die Forschung zeigt: Hohe Anforderungen sind selten das Problem. Entscheidend ist, ob Menschen sich ernst genommen fühlen. Wer das Gefühl hat, lediglich auf Vorgaben reagieren zu müssen, verliert früher oder später Energie. Unternehmen profitieren deshalb davon, Mitarbeitende aktiv in Verbesserungen, Problemlösungen oder Entscheidungen einzubeziehen.
Was machen Teams richtig, wenn sie auch in kritischen Situationen handlungsfähig bleiben?
Zunächst müssen sie tatsächlich ein Team sein. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Erfolgreiche Teams verfügen über eingeübte Kommunikationsroutinen und haben kritische Situationen vorbereitet. Im Motorsport entscheidet sich ein Rennen oft in Sekundenbruchteilen, etwa wenn ein ungeplanter Boxenstopp nötig wird. Jeder Handgriff sitzt, weil Abläufe klar definiert und immer wieder trainiert wurden. Auch in Produktionsumgebungen lohnt es sich, kritische Szenarien zu simulieren und gemeinsam zu üben. Dadurch entsteht Sicherheit, wenn es darauf ankommt.
Welche Rolle spielt Kommunikation dabei?
Eine zentrale. In akuten Situationen muss Kommunikation kurz, klar und effizient sein. Wenn es dagegen um Verbesserungen oder Innovationen geht, braucht es offene Gespräche und unterschiedliche Perspektiven. Organisationen brauchen beides: klare Kommunikation in kritischen Momenten und offene Kommunikation für Lernen und Weiterentwicklung.
Wie gelingt Wandel in Unternehmen trotz hoher operativer Belastung?
Vor allem durch Klarheit. Menschen müssen wissen, welche Themen Priorität haben und was warten kann. Viele Veränderungen scheitern daran, dass zu viel gleichzeitig angestoßen wird. Außerdem braucht es ein gemeinsames Verständnis im Führungsteam. Wenn unterschiedliche Bereiche verschiedene Botschaften senden, entsteht Orientierungslosigkeit. Wandel gelingt meist nicht durch große Programme allein, sondern durch viele kleine, sichtbare Fortschritte im Alltag.
Wie lassen sich Mitarbeiter für Veränderungen gewinnen?
Menschen müssen verstehen, warum Veränderungen notwendig sind und was sie selbst dazu beitragen können. Dafür braucht es eine überzeugende Geschichte: Warum verändern wir uns? Wo wollen wir hin? Und wie kommen wir dorthin? Neben dem Bewusstsein, dass das bisherige Vorgehen nicht ausreicht, braucht jede Veränderung auch ein attraktives Zukunftsbild, mit dem sich die Menschen identifizieren können.
Was erwarten Mitarbeitende von Führungskräften im Wandel?
Führungskräfte müssen präsent sein. Sie sind die wichtigsten Botschafter der Veränderung. Sie geben Orientierung, hören zu und erklären immer wieder die Richtung. Menschen folgen Veränderungen selten aufgrund von Konzepten oder Präsentationen, sondern vor allem aufgrund der Glaubwürdigkeit der Menschen, die sie vertreten, Zusammenhänge erklären und Entscheidungen treffen. In kritischen Situationen heißt das, Informationen schnell aufzunehmen und Verantwortung zu übernehmen. In Phasen allgemeiner Unsicherheit geht es vor allem darum, regelmäßig zu kommunizieren und nachvollziehbar zu machen, wie mit der Situation umgegangen wird.
Viele Unternehmen beschäftigen sich intensiv mit ihrer Unternehmenskultur. Wie gelingt es, eine starke Identität über Generationen hinweg zu bewahren?
Erfolgreiche Unternehmen verfügen meist über klare Werte und Prinzipien, die Orientierung geben. Diese bilden einen stabilen Anker. Gleichzeitig darf Kultur nicht mit Stillstand verwechselt werden. Unternehmen müssen sich weiterentwickeln und teilweise auch neu erfinden. Werte können dabei als Kompass dienen, während Strukturen, Prozesse und Arbeitsweisen kontinuierlich angepasst werden. Entscheidend ist die Fähigkeit, Bewährtes zu bewahren und gleichzeitig offen für Neues zu bleiben.
Fehler lassen sich im Arbeitsalltag nie ganz vermeiden. Warum lernen manche Organisationen besser daraus als andere?
Ein wichtiger erster Schritt ist die Unterscheidung zwischen Regelverstößen und Misserfolgen. Wer beispielsweise bewusst gegen Sicherheitsregeln verstößt, handelt anders als jemand, der eine Entscheidung trifft, die sich später als nicht optimal herausstellt. Wer Neues ausprobiert, geht zwangsläufig Risiken ein. Daraus entstehen Lernerfahrungen. Eine gute Fehlerkultur erkennt man daran, dass Menschen Probleme offen ansprechen können. Wenn Organisationen es schaffen, dass Fehler zu Lösungen statt zu Schuldzuweisungen führen, entsteht ein Umfeld, in dem Lernen und Innovation möglich werden.
Sie haben am Anfang einen Vergleich zum Rennsport gezogen. Was können Unternehmen von diesem lernen?
Dass Erfolg niemals nur auf einem Faktor beruht. Es braucht das Zusammenspiel von Strategie, Struktur und Kultur. Eine klare Richtung, funktionierende Prozesse und eine Kultur, die Zusammenarbeit und Lernen fördert. Erst wenn diese drei Bereiche zusammenwirken, entsteht nachhaltiger Erfolg.
