SO WIRD DIE ZUKUNFT VERPACKT
Eine Verpackung schützt Produkte, transportiert Markenbotschaften und sorgt für effiziente Logistik. Künftig muss sie noch etwas anderes deutlich konsequenter leisten: Sie muss Teil einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft sein. Mit der europäischen Verpackungsverordnung PPWR verändert sich nicht nur die Regulierung. Es verändert sich die Art und Weise, wie Unternehmen Verpackungen denken (müssen).
Wiederverwendungsziele
ab 01.01.2030
100 % Wiederverwendung beim Transport zwischen Standorten desselben Unternehmens und verbundenen Unternehmen
40 % der Transportverpackungen müssen wiederverwendbar sein
100 % Wiederverwendung
der Verpackungen beim
innerstaatlichen Transport

Europa hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Verpackungen sollen künftig nicht nur Produkte schützen, sondern fester Teil einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft werden. Mit der neuen Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) schafft die Europäische Union erstmals einen einheitlichen Rechtsrahmen für Verpackungen in allen 27 Mitgliedstaaten. Die Verordnung ist seit 2025 in Kraft, viele ihrer Anforderungen werden jedoch erst schrittweise in den kommenden Jahren wirksam. Für Unternehmen beginnt damit eine Transformation, deren Auswirkungen weit über neue Dokumentationspflichten hinausreichen.
Wer derzeit mit Herstellern, Markenartiklern, Verpackungsproduzenten oder Händlern spricht, erlebt eine Branche im Übergang. Unternehmen analysieren ihre Pflichten, prüfen Lieferketten, sammeln Daten und versuchen zu verstehen, welche konkreten Anforderungen künftig gelten werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Fristen, Nachweise, Konformitätserklärungen und Berichtspflichten. Verständlich, denn die PPWR bringt eine Vielzahl neuer Vorgaben mit sich und viele Detailregelungen werden erst durch nachgelagerte Rechtsakte konkretisiert. „Viele Unternehmen beschäftigen sich aktuell vor allem mit den unmittelbaren Anforderungen und den Fragen der Rechtskonformität“, beobachtet Romy Wollny, Beraterin bei der M Genuma GmbH. „Das ist nachvollziehbar, weil noch zahlreiche Konkretisierungen ausstehen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass dabei die strategische Dimension der Verordnung in den Hintergrund rückt.“ Doch genau darin liegt die eigentliche Bedeutung der PPWR. Anders als viele regulatorische Anpassungen der vergangenen Jahre verändert die Verordnung nicht nur Prozesse. Sie schafft grundlegende Kriterien, nach denen Verpackungen entwickelt, bewertet und eingesetzt werden.
„Die Verpackung endet nicht mehr am Regal oder beim Verbraucher. Sie wird Teil eines Systems.“
Dieter Pfaff
Paradigmenwechsel
Künftig wird auch der Faktor Kreislauffähigkeit eine große Rolle spielen. „Das wird kein Nice-to-have mehr sein“, sagt Dieter Pfaff, geschäftsführender Gesellschafter der M Genuma GmbH. „Sie wird von der PPWR gefordert und damit zu einem festen Entscheidungskriterium bei Verpackungslösungen.“ Die Verordnung verfolgt das Ziel, Verpackungsabfälle in Europa deutlich zu reduzieren und Stoffkreisläufe zu stärken. Verpackungen sollen möglichst recyclingfähig sein, Ressourcen effizient nutzen und nach ihrer Verwendung wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden können.“ Gleichzeitig sollen unnötige Verpackungen vermieden und Materialeinsätze reduziert werden. In der öffentlichen Debatte wird die PPWR häufig auf die Frage reduziert, welches Material künftig die besseren Karten hat. Papier oder Kunststoff? Faser oder Folie?
Nach Ansicht der Experten greift diese Diskussion jedoch zu kurz. „Nachhaltigkeit lässt sich nicht allein über das Material definieren“, erklärt Pfaff. „Entscheidend ist die Betrachtung des gesamten Systems.“ Wie viel Verpackung wird überhaupt benötigt? Welche Materialien werden miteinander kombiniert? Lässt sich die Verpackung sortieren und recyceln? Gibt es dafür funktionierende Sammel- und Verwertungssysteme? Und entsteht am Ende tatsächlich ein Kreislauf? Die Verordnung fordert nicht nur theoretische Recyclingfähigkeit. Langfristig wird entscheidend sein, ob Verpackungen tatsächlich in bestehenden Systemen gesammelt, sortiert und verwertet werden können. Damit rückt die praktische Umsetzbarkeit stärker in den Fokus als jemals zuvor. „Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Fall nicht nur, auf ein anderes Material umzusteigen“, ergänzt Dieter Pfaff. „Entscheidend ist die Betrachtung des gesamten Systems.“
Das ändert sich:
Einheitliche Regeln für Verpackungen in allen EU-Mitgliedstaaten
Höhere Anforderungen an Recyclingfähigkeit und Kreislauffähigkeit
Vorgaben zur Reduzierung von Verpackungsmaterial und Leerraum
Mindestanteile an Rezyklaten für bestimmte Kunststoffverpackungen
Erweiterte Herstellerverantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette
Umfangreiche Dokumentations- und Nachweispflichten
Das bedeutet für Unternehmen:
Verpackungen müssen künftig von Anfang an kreislauffähig gedacht werden.
Materialwahl, Verpackungsdesign und Recyclingfähigkeit werden zu strategischen Wettbewerbsfaktoren.
Die Zusammenarbeit zwischen Markeninhabern, Verpackungsherstellern und Recyclingwirtschaft wird deutlich wichtiger.
Design als strategische Aufgabe
Besonders sichtbar wird dieser Wandel beim Verpackungsdesign. Viele Verpackungen wurden bislang vor allem unter technischen, logistischen oder marketingbezogenen Gesichtspunkten entwickelt. Künftig müssen Entwickler zusätzlich berücksichtigen, wie sich ihre Lösungen auf Recyclingprozesse auswirken. Materialkombinationen, Beschichtungen, Klebstoffe oder Verbundstrukturen werden stärker hinterfragt, wenn sie die Kreislauffähigkeit beeinträchtigen. Das Prinzip „Design for Recycling“ gewinnt damit erheblich an Bedeutung. „Bei der Verpackungsentwicklung wird künftig deutlich stärker geprüft werden müssen, ob Materialwahl und Design langfristig mit den Anforderungen der PPWR vereinbar sind“, sagt Wollny. Die Verpackung der Zukunft wird deshalb nicht nur für Produktionsanlagen und Verkaufsregale entwickelt. Sie muss ebenso in Sortieranlagen, Recyclingprozessen und Stoffkreisläufen funktionieren.
Ein weiterer zentraler Baustein der PPWR ist die Vermeidung von Verpackungsabfällen. Die Verordnung fordert, Verpackungen auf das notwendige Maß zu reduzieren. Leerraum, unnötige Materialmengen oder überdimensionierte Verpackungslösungen geraten dadurch zunehmend unter Druck. Das greift vor allem auch in die wirtschaftlichen Überlegungen von Unternehmen ein. Weniger Material bedeutet weniger Ressourcenverbrauch, geringere Transportgewichte und langfristig potenziell niedrigere Kosten innerhalb künftiger Entsorgungs- und Rücknahmesysteme. Für materialeffiziente Verpackungslösungen entstehen dadurch neue Chancen. Lösungen wie die Next Generation Products von Progroup folgen genau diesem Ansatz: den Materialeinsatz zu reduzieren und zugleich höchste Anforderungen an Stabilität, Performance und technische Spezifikationen zu erfüllen. „Je weniger Material bei vergleichbaren Eigenschaften eingesetzt werden kann, desto besser sind häufig auch die Voraussetzungen im Hinblick auf die zukünftigen Anforderungen der PPWR“, erklärt Wollny.
Wettbewerbsfaktor Recycling
Neben der Recyclingfähigkeit rückt auch der Einsatz von Rezyklaten stärker in den Fokus. Insbesondere für Kunststoffverpackungen sieht die Verordnung künftig verbindliche Mindestanteile an recyceltem Material vor. Damit steigt die Nachfrage nach hochwertigen Post-Consumer-Rezyklaten erheblich. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob ausreichende Mengen dieser Materialien überhaupt verfügbar sein werden. Bereits heute wird in der Branche intensiv diskutiert, ob die notwendigen Mengen an Kunststoffrezyklate bereitgestellt werden können, um die vorgesehenen Quoten zu erfüllen. Die Verfügbarkeit geeigneter Sekundärrohstoffe könnte sich damit zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor entwickeln. Für faserbasierte Verpackungen ergeben sich daraus zusätzliche Chancen. Papierbasierte Lösungen verfügen bereits heute über etablierte Sammel- und Recyclingstrukturen und lassen sich vergleichsweise einfach in bestehende Stoffkreisläufe zurückführen. Allerdings sind hier auch die Ausgangsbedingungen in den EU-Mitgliedsstaaten extrem unterschiedlich. Während einige Länder bereits über leistungsfähige Sammel-, Sortier- und Recyclingsysteme verfügen, stehen andere noch deutlich am Anfang dieser Entwicklung. Gleichzeitig unterscheiden sich Verpackungsgewohnheiten, Materialeinsätze und Infrastrukturen erheblich. „Die Verordnung setzt einen gemeinsamen Rahmen“, sagt Wollny. „Ob die Ziele innerhalb der vorgesehenen Zeiträume erreicht werden können, hängt aber auch davon ab, wie schnell die notwendige Infrastruktur aufgebaut und weiterentwickelt wird.“ Hinzu komme eine weitere Herausforderung: Zahlreiche delegierte Rechtsakte, die zentrale Anforderungen konkretisieren sollen, stehen noch aus. Viele Unternehmen müssen deshalb heute Entscheidungen treffen, obwohl wichtige Details noch nicht abschließend definiert sind.
Die wichtigsten Meilensteine 2026–2040
Neue Nachhaltigkeitsanforderungen für Verpackungen
Verbindliche Ziele für Recycling und Wiederverwendung
Höhere Recyclingquoten und stärkere Kreislaufwirtschaft
70 % Wiederverwendung und höhere Rezyklatanteile
Beginnender Wandel
Die Verordnung stärkt die Verantwortung derjenigen, die Verpackungen gestalten und in Verkehr bringen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Informationen über Materialien, Inhaltsstoffe, Recyclingfähigkeit und Kreislaufführung. Dadurch müssen Markeninhaber, Handel, Verpackungshersteller, Materiallieferanten und Recycler enger zusammenarbeiten als bisher. „Die optimale Verpackung entsteht künftig nicht mehr isoliert“, sagt Pfaff. „Sie entsteht durch einen deutlich intensiveren Austausch entlang der gesamten Wertschöpfungskette.“ Die Verpackung wird damit zunehmend zu einer Gemeinschaftsaufgabe. Noch stehen viele Unternehmen am Anfang dieses Prozesses. Die nächsten Monate und Jahre werden zunächst von der Umsetzung der neuen Anforderungen geprägt sein. Compliance bleibt deshalb ein zentrales Thema. Wer die PPWR jedoch ausschließlich als regulatorische Pflicht betrachtet, greift zu kurz. Die Verordnung definiert die Spielregeln für die Verpackungswelt von morgen. Sie verändert, wie Verpackungen entwickelt werden. Sie beeinflusst Materialentscheidungen. Sie stärkt Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz. Und sie eröffnet neue Chancen für innovative und materialeffiziente Lösungen. Oder, wie Romy Wollny es zusammenfasst: „Ohne Veränderung wird es nicht gehen.“
