GRUND ZUM OPTIMISMUS

Die europäische Energiewirtschaft befindet sich in einer historischen Transformation: Weg von der ­starken Importabhängigkeit, hin zu einer ­klimaneutralen, eigenständigen ­Versorgung. Bis zum Ziel, den ­Energiebedarf mit CO₂-neutralen Energieformen autonom decken zu ­können, ist es zwar noch ein weiter Weg, aber wir können dieses Ziel noch erreichen, indem wir den Schwerpunkt auf die Stromerzeugung legen. Denn nach dem Zeitalter von Kohle und dann Erdöl und Erdgas beginnt nun das Zeitalter der Elektrizität, in dem Europa eine viel stärkere Position einnimmt.

Chancen und Herausforderungen für die Papier- und Wellpappindustrie

Unsere Branche steht vor einer doppelten Herausforderung: Sie ist energieintensiv und zugleich ein Schlüsselakteur für Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz. Der Umstieg auf CO₂-neutrale Energie­formen eröffnet große Chancen – von ­­Waste-to-Energy-Konzepten bis zur ­Nutzung erneuerbarer Prozesswärme. Mithilfe digitaler Steuerungssysteme und KI lassen sich Produktionsprozesse energieeffizienter gestalten und Rohstoffe besser recyceln. So kann unsere Branche eine Vorreiterrolle bei der Verbindung von Klimaschutz und industrieller Wettbewerbsfähigkeit übernehmen.

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Dominique Ristori ist ein versierter Kenner und ausgewiesener Experte in der europäischen Energiepolitik. Der Franzose arbeitete von 1978 bis 2019 in verschiedenen Funktionen für die Europäische Kommission. Zuletzt war er Generaldirektor der Generaldirektion Energie der Europäischen Union. Derzeit ist er als Strategieberater tätig.

Die Energiepolitik der EU fußt auf den Prioritäten Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Fast eine Quadratur des Kreises, die die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft hier schaffen müssen. Es gilt, den steigenden Energiebedarf, insbesondere den Strombedarf, zu decken, der vor allem durch die Digitalisierung, Rechenzentren und künstliche Intelligenz entsteht. Gleichzeitig muss die Versorgungssicherheit gewährleistet werden, was im aktuellen geopolitischen Kontext eine große Herausforderung darstellt. An allen drei Fronten besteht dringender Handlungsbedarf und eine umfassende Stromerzeugung kann echte Lösungen bieten.

Die Gründe für diese kritische Situation liegen auf der Hand. Während Energie bei unseren Hauptkonkurrenten – den USA, Russland und China – oberste Priorität hat, war dies in Europa lange Zeit nicht der Fall. Die positive Entscheidung, den Zugang zu den Strom- und Gasmärkten zu öffnen und anschließend die Bereiche Erzeugung, Transport, Verteilung und Versorgung der Verbraucher voneinander zu trennen, hat sich als unzureichend erwiesen. Sie führte dazu, dass der Preis zum wichtigsten und oft einzigen Auswahlkriterium wurde und kurzfristige statt langfristige Ziele in den ­Vordergrund traten. Die Entscheidung, langfristige Verträge für erneuerbare Energien und Kernenergie zu fördern, geht in die richtige Richtung, da sie den Anteil von Gas reduziert und
CO₂-freie Energien stärkt, die gleichzeitig viel unabhängiger sind. ­Gleichzeitig ist die Wirtschaft stark gewachsen, was den Energiebedarf weiter erhöht hat.

Stärke bei erneuerbaren und nuklearen Energien

Parallel dazu wird das Ziel der Reduzierung der Treibhausgasemissionen weiter vorangetrieben. Bis 2050 soll CO₂-Neutralität erreicht werden: minus 55 % im Jahr 2030 gegenüber 1990.

Die umfassendere Anwendung des Prinzips der Technologieneutralität wird Unternehmen helfen, indem sie ihnen mehr Freiheit beim Erreichen dieses Ziels lässt. Darüber hinaus können energieintensive Unterneh­­men leichter staatliche Beihilfen in Anspruch nehmen, um gegenüber nicht-europäischen Konkurrenten wettbewerbsfähiger zu sein. Diese jüngsten Entscheidungen dürften ­mittelfristig positive Auswirkungen haben. Zum einen können wir dadurch die Abhängigkeit von Öl und Gas ­reduzieren. Und zum anderen stärken wir so die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft.

Schon jetzt ist die EU der einzige große wirtschaftliche Player, der dank erneuerbarer Energien und Kernenergie zwei Drittel seines Stroms CO₂-frei erzeugt und damit einen Beitrag zur CO₂-Neu­tralität leistet. Auch wenn dies noch nicht überall offensichtlich ist, wird sich der Trend zu CO₂-freier Energie und Energiesicherheit in den nächsten Jahren weltweit verstärken. Tatsächlich ist es für alle Länder wichtig, eine ­möglichst optimale Kombination aus Klimaneutralität, Wettbewerbsfähigkeit und Energiesicherheit zu haben.

Nachholbedarf bei der Speichertechnologie

Einige Weichen wurden zwar schon gestellt, es gibt aber dennoch keinen Grund zur Entwarnung. Denn eine wesentliche Voraussetzung für den weiteren Ausbau von erneuerbaren Energien fehlt noch: die leistungsfähige und bezahlbare Speichertechnologie. Über das Jahr verteilt gibt es noch zu viele Tage, an denen die Überproduktion aus Solar- und Wind­energie gar nicht ins Netz eingespeist werden kann. Eine riesige Verschwendung von Ressourcen. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Mitgliedstaaten auf Grundlage des europäischen Rechtsrahmens Investitionen von Unternehmen in Speicherlösungen fördern. Um die Stabilität des europäischen Stromnetzes zu gewährleisten, ist es unerlässlich, parallel zum Ausbau der Solar- und Windenergie so schnell wie möglich verschiedene Speicherformen zu entwickeln. Die Beibehaltung einer nuklearen Grundlastproduktion wird auch ein stabiles Management eines Systems ermöglichen, das vollständig CO₂-neutral werden soll. Dies muss unverzüglich in Angriff genommen werden, und die Innovationen der Unternehmen im Bereich neuer Speichersysteme werden dazu beitragen.

Erfolgreich werden wir nur dann sein, wenn die Europäische Union, die Mitgliedstaaten und die Unternehmen eng zusammenarbeiten. Da gibt es noch viel Luft nach oben. Der Dialog war in der Vergangenheit leider nicht immer effizient. Außerdem brauchen wir strategische Ziele auf europäischer Ebene sowie kurz- und mittelfristige Ziele für Mitgliedstaaten und Unternehmen, die realistisch und erreichbar sind. Und dann sollten wir in die Kreativität und die Potenziale der Wirtschaft vertrauen. Ich bin mir sicher, dass sie die richtigen Resultate liefern wird.

Inzwischen bin ich deutlich optimis­tischer als noch vor einem Jahr, dass wir das Ziel, unseren Energiebedarf mit CO₂-neutralen Energieformen auto­nom zu decken, erreichen und gleichzeitig unsere Wettbewerbsfähigkeit und die Nachhaltigkeit unserer Wirtschaft stärken können. Es wird immer deutlicher, dass wir uns realistische Ziele ohne bürokratische Hindernisse setzen müssen. Die ersten Maßnahmen in dieser Hinsicht wurden bereits ergriffen, und die Wirtschaft bringt zunehmend ihre Lösungen ein. Unternehmen müssen heute stärker in Innovationen investieren, um den Wandel des europäischen Energiesystems in seinen drei Dimensionen – Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit – vollständig umzusetzen. Zu diesem Preis wird die steigende Produktion sauberer Energie in Europa, insbesondere von Strom, einen wichtigen Beitrag zur Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit leisten.